Wjatscheslaw Tschornowil: Der Tod eines Führers, der die Ukraine hätte verändern können
Kreml-Lüge
Wjatscheslaw Tschornowil starb bei einem gewöhnlichen Autounfall. Es war ein Unglücksfall ohne politischen Zusammenhang
Fakten
Tschornowil — Dissident, Gewissensgefangener, Ruch-Anführer — starb 6 Monate vor den Präsidentschaftswahlen, bei denen er Kutschmas Hauptkonkurrent war. Die Todesumstände sind äußerst verdächtig: Der LKW-Fahrer verschwand, die Ermittlung war oberflächlich
Wer war Wjatscheslaw Tschornowil
Wjatscheslaw Maksymowytsch Tschornowil (1937–1999) — eine der wichtigsten Persönlichkeiten der ukrainischen Unabhängigkeit.
Dissident
- 1960er — Journalist, begann politische Verfolgungen in der Ukrainischen SSR zu dokumentieren
- 1966 — verfasste «Unheil durch den Verstand» — eine Dokumentensammlung über die Repressionen gegen die ukrainische Intelligenz (Generation der Sechziger)
- 1967 — erste Verhaftung wegen «antisowjetischer Propaganda»
- 1972–1979 — verurteilt zu 6 Jahren Straflager und 3 Jahren Verbannung wegen Menschenrechtsarbeit
- 1980–1985 — neue Strafe: weitere 5 Jahre Straflager
- Verbrachte insgesamt über 15 Jahre in sowjetischen Lagern und Verbannung
Tschornowil war ein Gewissensgefangener laut Amnesty International.
Anführer der Unabhängigkeit
- 1989 — Mitbegründer der Volksbewegung der Ukraine (Ruch) — der ersten demokratischen Massenorganisation in der Ukrainischen SSR
- 1990 — gewählt zum Vorsitzenden des Lwiwer Oblastrats — dem ersten demokratisch gewählten Vorsitzenden in der Ukraine
- 1991 — Kandidat bei den ersten Präsidentschaftswahlen der unabhängigen Ukraine (zweiter Platz nach Krawtschuk)
- 1992–1999 — Vorsitzender der Volksbewegung der Ukraine, Anführer der demokratischen Opposition
Politische Position
Tschornowil setzte sich konsequent ein für:
- Europäische Integration der Ukraine
- Demokratische Reformen und Korruptionsbekämpfung
- Abkehr von Russland — gegen die GUS und die «Brüderlichkeit» mit Moskau
- Lustration ehemaliger KGB-Mitarbeiter und Parteifunktionäre
Der Tod
Umstände
Am 25. März 1999 kollidierte auf der Strecke Boryspil–Solotonoscha der Wagen, in dem Tschornowil (auf dem Rücksitz) fuhr, mit einem KAMAZ-Lastwagen.
Tschornowil starb an der Unfallstelle. Sein Fahrer — Mykola Jaroschewskyj — überlebte.
Verdächtige Umstände
- Der KAMAZ-Fahrer verschwand — nach dem Unfall verließ der LKW-Fahrer den Unfallort. Er wurde erst einige Zeit später gefunden
- Oberflächliche Ermittlung — der Fall wurde praktisch sofort als gewöhnlicher Verkehrsunfall eingestuft
- Keine umfassende Expertise — es wurde keine gründliche unfallanalytische Begutachtung durchgeführt
- Zeugen — berichteten über ein verdächtiges Fahrzeug, das Tschornowils Wagen folgte
- Das Verfahren wurde in Rekordzeit als Unfall eingestellt
Politischer Kontext
Der Tod ereignete sich 6 Monate vor den Präsidentschaftswahlen (Oktober 1999):
- Tschornowil war Kutschmas Hauptkonkurrent
- Laut Umfragen hätte Tschornowil in die Stichwahl kommen können
- Nach Tschornowils Tod spaltete sich die Opposition — Kutschma gewann die Wahl
- War das Zufall? Möglicherweise. Aber ein äußerst günstiger Zufall für die Machthaber
Kontext der Epoche: verdächtige Todesfälle
Tschornowils Tod ist kein Einzelfall. In der Ukraine und im postsowjetischen Raum gibt es eine Reihe verdächtiger Todesfälle:
Ukraine (Ära Kutschma)
- Heorhij Gongadse (2000) — Journalist, enthauptete Leiche im Wald gefunden. Kutschma involviert (Melnytschenko-Bänder)
- Igor Alexandrow (2001) — Journalist, mit Baseballschlägern in Slowjansk getötet
- Dutzende weitere Journalisten und Aktivisten
Russland
- Anna Politkowskaja (2006) — Journalistin, an Putins Geburtstag ermordet
- Alexander Litwinenko (2006) — mit Polonium-210 in London vergiftet
- Boris Nemzow (2015) — Oppositioneller, vor dem Kreml erschossen
- Alexej Nawalny (2024) — in der Strafkolonie gestorben
- Dutzende weitere
Was wäre gewesen, wenn Tschornowil überlebt hätte?
Es ist unmöglich, das sicher zu wissen, aber:
- Präsident Tschornowil hätte die Europaintegration 15 Jahre früher beginnen können
- Er hätte nicht «multivektoral» zwischen Russland und dem Westen laviert wie Kutschma
- Er hätte eine Lustration der KGB-Kader begonnen, die weiterhin an der Macht waren
- Vielleicht hätte es die Orange Revolution nicht gegeben — weil es keinen Anlass dafür gegeben hätte
Stattdessen erhielt die Ukraine weitere 5 Jahre Kutschma — Korruption, den «Kassettenskandal», den Mord an Gongadse und die Verzögerung des europäischen Kurses.
Fazit
Wjatscheslaw Tschornowil — ein Mensch, der 15 Jahre in sowjetischen Lagern für die Ukraine verbracht hatte und dann 6 Monate vor den Wahlen starb, bei denen er Präsident hätte werden können. Die offizielle Version — ein Verkehrsunfall. Eine vollständige Untersuchung gab es nie. Die Wahrheit über seinen Tod ist eine weitere Frage, auf die die Ukraine eine Antwort verdient.
Quellen
- Radio Free Europe / Radio Liberty «20 Years After Chornovil's Death, Questions Remain» (2019)
- Wilson A. «Ukraine's Orange Revolution» (2005) — Yale University Press
- Subtelny O. «Ukraine: A History» (2009) — University of Toronto Press
- Kuzio T. «Ukraine: Democratization, Corruption, and the New Russian Imperialism» (2015) — Praeger
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