«Entnazifizierung» — das ist eine Lüge

Zeitraum: Gegenwart Veröffentlicht: December 20, 2025
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Kreml-Lüge

In der Ukraine herrschen Nazis und Neonazis, deshalb musste Russland eine «Spezielle Militäroperation» zur «Entnazifizierung» des Landes durchführen

Fakten

Die Ukraine ist ein demokratischer Staat mit einem demokratisch gewählten jüdischen Präsidenten. Rechtsextreme Parteien haben minimale Unterstützung. «Entnazifizierung» ist ein propagandistischer Vorwand für Aggression

Worum geht es bei diesem Mythos?

Am 24. Februar 2022 verkündete Putin den Beginn einer «Speziellen Militäroperation», deren eines der offiziellen Ziele die «Entnazifizierung» der Ukraine ist. Die russische Propaganda stellt die Ukraine systematisch als einen von Nazis beherrschten Staat dar und die Ukrainer als «Faschisten», die «befreit» werden müssen.

Dieses Narrativ ist aus faktischer Sicht absurd und ein klassisches Beispiel für den Einsatz von Propaganda zur Rechtfertigung eines Angriffskrieges.

Fakten, die den Mythos widerlegen

Ein jüdischer Präsident

Wolodymyr Selenskyj — sechster Präsident der Ukraine, 2019 gewählt mit 73,22% der Stimmen in der Stichwahl. Selenskyj:

  • Ist jüdischer Herkunft — seine Muttersprache ist Russisch, und sein Großvater kämpfte im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis
  • Drei Brüder seines Großvaters starben im Holocaust
  • Wurde demokratisch in freien Wahlen gewählt, die von internationalen Beobachtern anerkannt wurden

Wenn in der Ukraine tatsächlich «Nazis herrschen» würden, hätten sie wohl kaum einen Juden mit 73% Unterstützung zum Präsidenten gewählt.

Rechtsextreme bei Wahlen

Ergebnisse rechtsextremer Parteien bei Parlamentswahlen in der Ukraine:

JahrParteiErgebnis
2012«Swoboda»10,44% (historisches Maximum)
2014«Swoboda»4,71% (scheiterte an der Sperrklausel)
2014«Rechter Sektor»1,80%
2019Vereinigung der Rechtsextremen2,15%

2,15% — das ist das Ergebnis der vereinigten Liste aller rechtsextremen Kräfte bei den Wahlen 2019. Zum Vergleich:

  • Frankreich: Marine Le Pen — 41,45% in der Stichwahl der Präsidentschaftswahl (2022)
  • Italien: Fratelli d’Italia — 26% bei den Wahlen 2022
  • Schweden: Schwedendemokraten — 20,5% (2022)
  • Österreich: FPÖ — 29% (2024)
  • Deutschland: AfD — 20,8% (2025)

In der Ukraine haben Rechtsextreme die niedrigste Unterstützung unter allen großen europäischen Ländern. Keine rechtsextreme Partei ist in der aktuellen Werchowna Rada vertreten.

Demokratie-Ratings

Internationale Organisationen bewerten die Ukraine als teilweise freie Demokratie:

  • Freedom House (2022): Ukraine — «Partly Free» mit einer Bewertung von 61/100 (Russland — «Not Free», 19/100)
  • Economist Intelligence Unit (2021): Ukraine — «hybrides Regime» mit einer Bewertung von 5,57 (Russland — «autoritäres Regime», 3,24)
  • Reporter ohne Grenzen (2021): Ukraine — Platz 97 (Russland — Platz 150)

Die Ukraine ist weit von einer perfekten Demokratie entfernt, aber sie ist deutlich freier als Russland in allen internationalen Rankings.

Das Regiment «Asow»: Kontext

Eines der Hauptargumente des Kremls ist die Existenz des Regiments «Asow», das 2014 unter Beteiligung rechtsgerichteter Freiwilliger gegründet wurde. Was die Propaganda verschweigt:

Die Entwicklung von «Asow»

  1. 2014 — gegründet als Freiwilligenbataillon zur Verteidigung von Mariupol gegen russische Besatzer. Unter den Gründern waren tatsächlich Personen mit rechtsextremen Ansichten
  2. 2015 — in die Nationalgarde der Ukraine integriert (dem Innenministerium unterstellt)
  3. 2015–2022 — durchlief eine systematische Entpolitisierung: Militärangehörige mit extremistischen Ansichten wurden aussortiert, die Führung durch Berufsoffiziere ersetzt
  4. Bis 2022 zählte «Asow» 900–2.500 Personen — weniger als 1% der ukrainischen Streitkräfte

Kontext: Rechtsextreme in Russland

Russland, das die «Entnazifizierung» der Ukraine fordert, selbst:

  • Finanziert rechtsextreme Bewegungen in ganz Europa (Forschung von Anton Schechowzow «Russia and the Western Far Right», 2018)
  • Setzte neonazistische Söldner der «Wagner-Gruppe» ein — Gründer Dmitri Utkin hatte Nazi-Tätowierungen und verwendete den Rufnamen nach dem Lieblingskomponisten Hitlers
  • Hatte selbst eine beträchtliche Anzahl rechtsextremer Organisationen (Russische Nationale Einheit, Russki Obraz u.a.)
  • Verwendet die Z-Symbolik, die zu einem faschistischen Symbol des 21. Jahrhunderts wurde

Was bedeutet «Nazismus» für den Kreml?

Die Analyse der Verwendung des Wortes «Nazismus» in der russischen Propaganda zeigt, dass es nichts mit dem realen Nationalsozialismus zu tun hat:

Für den Kreml ist «Nazi» = jeder, der:

  • Die Unabhängigkeit der Ukraine von Russland unterstützt
  • Ukrainisch spricht
  • Eine Integration mit Europa und der NATO anstrebt
  • Sich nicht als Teil der «Russischen Welt» betrachtet

Das heißt, «Nazi» ist nach der Logik des Kremls jeder bewusste Ukrainer. Das ist eine klassische Taktik der Entmenschlichung des Feindes, die ironischerweise typisch für faschistische Regime ist.

Wahrer Nazismus: Ein Spiegel für Russland

Russlands Handlungen in der Ukraine entsprechen den Kriterien, die üblicherweise mit Faschismus assoziiert werden:

  1. Führerkult — Putin ist seit 2000 an der Macht, de facto lebenslange Herrschaft
  2. Aggressiver imperialer Expansionismus — Georgien (2008), Krim (2014), Donbas (2014–), Vollinvasion (2022–)
  3. Militarismus — «Z»-Symbolik, Kult der «Spezialoperation», militaristische Propaganda in Schulen
  4. Unterdrückung von Andersdenkenden — Schließung unabhängiger Medien, Verfolgung der Opposition (Nawalny, Kara-Mursa)
  5. Ideologie des «besonderen Weges» — «Russische Welt» als messianische Ideologie
  6. Völkermörderische Rhetorik — systematische Entmenschlichung der Ukrainer

Wie Timothy Snyder anmerkte: «Russland ist ein faschistischer Staat, der sein Opfer faschistisch nennt — das ist ein klassischer Akt der Projektion».

Fazit

«Entnazifizierung» ist kein Kampf gegen den Nazismus. Es ist ein propagandistischer Vorwand zur Vernichtung ukrainischer Staatlichkeit und Identität. Russland führt keinen Krieg gegen «Nazis», sondern gegen die bloße Existenz einer unabhängigen Ukraine.

Quellen

  1. Umland A. «Irregular Militias and Radical Nationalism in Post-Euromaydan Ukraine» (2019) — E-International Relations
  2. Shekhovtsov A. «Russia and the Western Far Right: Tango Noir» (2018) — Routledge
  3. Likhachev V. «Far-Right Extremism as a Threat to Ukrainian Democracy» (2018) — Freedom House
  4. Ishchenko V. «Towards the Abyss» (2022) — New Left Review
  5. Freedom House «Freedom in the World 2022: Ukraine» (2022)

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