Taras Schewtschenko: Wie Russland versuchte, Ukraines größten Dichter zu vernichten
Kreml-Lüge
Schewtschenko ist ein 'gesamtrussischer Dichter'; sein Werk ist Teil der russischen Literaturtradition, und das Russische Kaiserreich hat lediglich einen begabten Leibeigenen 'kultiviert'
Fakten
Schewtschenko war ein Revolutionär, den Russland verhaftete und 10 Jahre lang ins Exil verbannte — mit Verbot des Schreibens und Malens — genau weil er auf Ukrainisch schrieb und sich gegen das Kaiserreich aussprach
Wer war Taras Schewtschenko?
Taras Hryhorowytsch Schewtschenko (1814–1861) war Ukraines größter Dichter, Maler, Denker und Symbol der ukrainischen nationalen Identität. Seine Bedeutung für die Ukraine wird mit der Shakespeares für England, Dantes für Italien oder Puschkins für Russland verglichen — aber mit einem entscheidenden Unterschied: Schewtschenko schuf unter Bedingungen brutaler kolonialer Unterdrückung und riskierte für jedes auf Ukrainisch geschriebene Wort seine Freiheit und sein Leben.
Leibeigenschaft: Ein Mensch als Eigentum
Als Sklave geboren
Schewtschenko wurde am 9. März 1814 im Dorf Moryntsi, Gouvernement Kyiv, als Leibeigener geboren — das heißt als Sklave eines Gutsherrn. Sein „Eigentümer” war Pawlo Engelhardt.
Was es bedeutete, Leibeigener im Russischen Kaiserreich zu sein:
- Ein Leibeigener war das Eigentum des Gutsherrn — er konnte verkauft, verschenkt oder verspielt werden
- Der Gutsherr hatte das Recht zur körperlichen Bestrafung
- Ein Leibeigener hatte kein Recht, das Gut zu verlassen, ohne Erlaubnis zu heiraten oder sich zu bilden
- Die Kinder von Leibeigenen wurden automatisch Leibeigene
Schewtschenko wurde früh Waise — seine Mutter starb, als er 9 war, sein Vater, als er 12 war. Der Junge wurde „Kosatschok” (Hausdiener) am Hof Engelhardts.
Freikauf aus der Leibeigenschaft
Schewtschenkos Zeichentalent wurde entdeckt, und 1831 brachte Engelhardt ihn nach Sankt Petersburg. Dort trat Schewtschenko in den Kreis ukrainischer und russischer Intellektueller ein und begegnete dem Maler Karl Brjullow und dem Dichter Wassyl Schukovsky.
1838 wurde Schewtschenko für 2.500 Rubel aus der Leibeigenschaft freigekauft — Geld, das durch den Verkauf eines Porträts von Schukovsky, gemalt von Brjullow, in einer Lotterie gesammelt worden war. Schewtschenko war 24 Jahre alt — die ersten 24 Jahre seines Lebens war er das Eigentum eines anderen Menschen gewesen.
Der Kobzar: die Stimme einer Nation
Erste Sammlung (1840)
1840 wurde der „Kobzar” — Schewtschenkos erste Gedichtsammlung — veröffentlicht. Es war eine literarische Revolution:
- Zum ersten Mal erklang die ukrainische Sprache als vollwertige Literatursprache, nicht als „Bauernmundart”
- Schewtschenko zeigte, dass das Ukrainische hohe Dichtung ausdrücken konnte — philosophisch, historisch, lyrisch
- Der „Kobzar” wurde zum Symbol ukrainischer Identität
Was Schewtschenko schrieb
Schewtschenko schrieb nicht nur schöne Verse. Er schrieb politische Dichtung, die das Russische Kaiserreich direkt angriff:
„Der Kaukasus” (1845) — ein Gedicht, in dem Schewtschenko Russlands Eroberung des Kaukasus und die koloniale Unterdrückung verurteilt.
„Der Traum” (1844) — ein satirisches Gedicht, in dem Schewtschenko Zar Nikolaus I. verspottet; der Zar wird als Tyrann dargestellt.
„Das Testament” (1845) — das Gedicht, das zu Ukraines inoffizieller Hymne wurde:
„Wenn ich sterbe, begrabt mich Auf einem Grabhügel, Mitten in der breiten Steppe, In der geliebten Ukraine”
Die Kyrill-und-Method-Bruderschaft
Eine Geheimgesellschaft
1846 trat Schewtschenko der Kyrill-und-Method-Bruderschaft bei — einer Geheimgesellschaft ukrainischer Intellektueller, gegründet von Mykola Kostomarow, Wassyl Bilozersky und Mykola Hulak.
Das Programm der Bruderschaft:
- Abschaffung der Leibeigenschaft
- Demokratie und Republikanismus
- Nationales Erwachen der Ukraine
Diese Ideen waren für das Russische Kaiserreich völlig inakzeptabel. Die Bruderschaft bestand nur 14 Monate — im März 1847 wurde sie zerschlagen.
Verhaftung
5. April 1847 — Schewtschenko wurde in Kyiv verhaftet. Bei der Durchsuchung wurden Manuskripte antiimperialer Gedichte gefunden.
Nikolaus I. persönlich las Schewtschenkos Werke und war wütend. Den Zaren erzürnten nicht so sehr die Mitgliedschaft in einer Geheimgesellschaft, sondern die Gedichte selbst — Satire auf die königliche Familie und Aufrufe zur ukrainischen Freiheit.
10 Jahre Exil
Das Urteil
Schewtschenko wurde zu Exil als gemeiner Soldat in der Festung Orsk (heute Kasachstan) verurteilt. Aber das Schrecklichste war Nikolaus I.s persönlicher Befehl:
„Unter strenger Aufsicht mit Verbot des Schreibens und Malens”
Für einen Dichter ist ein Schreibverbot eine geistige Hinrichtung. Der Zar wusste, was er tat: Er wollte Schewtschenko brechen, ihm seine Hauptwaffe nehmen — das Wort.
Jahre in der Wildnis
1847–1857 — zehn Jahre Exil in der kasachischen Steppe:
- Festung Orsk (1847–1848)
- Aralseeexpedition (1848–1849) — Schewtschenko wurde in eine wissenschaftliche Expedition aufgenommen
- Befestigungsanlage Nowopetrowsk (1850–1857) — am Ufer des Kaspischen Meeres, die härteste Zeit
Bedingungen:
- Militärdrill — tägliche Märsche, Übungen, Strafen
- Isolation — die Festungen lagen Tausende Kilometer von Kulturzentren entfernt
- Überwachung — Offiziere kontrollierten regelmäßig, dass Schewtschenko weder schrieb noch malte
Schewtschenko schrieb trotzdem
Trotz des Verbots schrieb Schewtschenko heimlich weiter. Er versteckte Manuskripte in seinen Stiefeln, im Futter seiner Kleidung, leitete sie an Freunde weiter. Einige seiner mächtigsten Werke entstanden im Exil.
Freilassung
1855 starb Nikolaus I. Der neue Zar Alexander II. begann eine Periode der Liberalisierung.
2. August 1857 — Schewtschenko wurde aus dem Exil entlassen. Er war 43 Jahre alt. Die zehn besten Jahre seines Lebens hatte das Russische Kaiserreich ihm genommen.
Letzte Jahre und Tod
Schewtschenko kehrte nach Sankt Petersburg zurück, stand aber weiterhin unter Polizeiüberwachung. Es war ihm verboten, nach Kyiv und in die Ukraine zu reisen.
Schewtschenkos Gesundheit war durch das Exil gebrochen. 10. März 1861 — Taras Schewtschenko starb in Sankt Petersburg. Er war 47 Jahre alt.
Er wurde auf dem Tschernedscha-Hügel in Kaniw begraben, über dem Dnipro — wie er es im „Testament” verfügt hatte.
Schewtschenko vs. Puschkin: ein Vergleich
| Schewtschenko | Puschkin | |
|---|---|---|
| Herkunft | Leibeigener (Sklave) | Adeliger |
| Sprache | Ukrainisch (verfolgt) | Russisch (dominant) |
| Exil | 10 Jahre, gemeiner Soldat | 6 Jahre, „ehrenvolles” Exil auf Gütern |
| Exilbedingungen | Kasachische Steppe, Schreibverbot | Odessa, Krim, Michajlowskoje — mit Büchern und Papier |
| Haltung des Staates | „Vernichten” | „Kontrollieren” |
Schewtschenkos Bedeutung für die Ukraine
Schewtschenko war für das Kaiserreich gefährlich, weil er:
- Eine Literatursprache schuf — bewies, dass das Ukrainische jeden Gedanken ausdrücken kann
- Eine nationale Identität formulierte — gab den Ukrainern das Verständnis von sich selbst als eigenem Volk
- Die Dinge beim Namen nannte — nannte Leibeigenschaft Sklaverei, das Kaiserreich ein Völkergefängnis, den Zar einen Tyrannen
- Vergangenheit mit Zukunft verband — zeigte die Kosaken-Herrlichkeit als Grundlage für künftige Freiheit
Vermächtnis
- „Kobzar” — das meistgedruckte Buch der Ukraine, übersetzt in 100+ Sprachen
- 9. März — Schewtschenkos Geburtstag, ein nationaler Feiertag
- Denkmäler für Schewtschenko stehen in 35+ Ländern — Washington, Ottawa, Buenos Aires, Canberra
Russland versuchte, Schewtschenko physisch und geistig zu vernichten. Es scheiterte. Sein Wort erwies sich als stärker als das Kaiserreich, das ihn um 56 Jahre überlebte — und doch fiel, wie er es vorhergesagt hatte.
Quellen
- Zaitsev P. «The Life of Taras Shevchenko» (1955) — Shevchenko Scientific Society
- Grabowicz G. «The Poet as Mythmaker: A Study of Symbolic Meaning in Taras Ševčenko» (1982) — Harvard University Press
- Schewtschenko T. «Kobzar» (1840) — Sankt Petersburg
- Luckyj G. «Between Gogol' and Ševčenko: Polarity in the Literary Ukraine 1798–1847» (1980) — Wilhelm Fink Verlag
Verwandte Artikel
Die ukrainische Sprache ist kein 'Dialekt des Russischen'
Widerlegung des Mythos, Ukrainisch sei ein 'Dialekt'. Linguistische Forschung bestätigt die eigenständige Entwicklung des Ukrainischen seit der urslawischen Zeit.
Verbote der ukrainischen Sprache: 400 Jahre Zerstörung des Wortes
Eine vollständige Chronologie der Verbote der ukrainischen Sprache: von 1627 bis zur Sowjetzeit. Das Valuev-Zirkular, das Emser Dekret, die Erschossene Renaissance und andere Phasen ihrer Zerstörung.
Die Erschossene Renaissance: Die Vernichtung der ukrainischen Elite
Widerlegung des Mythos vom 'Aufblühen' der ukrainischen Kultur in der UdSSR. Dokumente belegen die gezielte Vernichtung des intellektuellen Potenzials der Ukraine.