Die ukrainische Sprache ist kein 'Dialekt des Russischen'
Kreml-Lüge
Die ukrainische Sprache ist lediglich ein bäuerlicher Dialekt des Russischen, künstlich von Österreichern und Polen geschaffen, um das 'eine Volk' zu spalten
Fakten
Ukrainisch ist eine eigenständige Sprache mit einer alten Geschichte, die sich vom Russischen auf allen Ebenen unterscheidet: Phonetik, Wortschatz, Grammatik und Syntax
Woher kommt dieser Mythos?
Der Mythos über die ukrainische Sprache als „Dialekt” hat tiefe Wurzeln in der russischen Imperialpolitik. 1863 erließ Innenminister Pyotr Valuev das berüchtigte Zirkular, in dem er erklärte: „Eine separate kleinrussische Sprache hat es nicht gegeben, gibt es nicht und kann es nicht geben.” Dieses Zirkular verbot den Druck von Bildungs- und religiöser Literatur auf Ukrainisch.
1876 schränkte das Emser Dekret Alexanders II. den Gebrauch der ukrainischen Sprache noch weiter ein: der Import ukrainischer Bücher wurde verboten, Originaltexte auf Ukrainisch durften nicht gedruckt werden (nur Übersetzungen aus dem Russischen), ukrainische Theateraufführungen wurden verboten, sogar ukrainische Liedtexte waren untersagt.
Die moderne russische Propaganda wiederholt dieselben Narrative und behauptet, die ukrainische Sprache sei im 19. Jahrhundert von Österreichern „erfunden” worden, um Russland zu schwächen, oder sie sei lediglich eine „korrumpierte” Version des Russischen.
Was die Wissenschaft sagt
Eigenständige Entwicklung seit der urslawischen Zeit
Professor Yuriy Shevelov (Universitäten Columbia und Harvard) verfolgte in seiner grundlegenden Arbeit „A Historical Phonology of the Ukrainian Language” (1979) detailliert die eigenständige Entwicklung des ukrainischen Phonetiksystems seit der urslawischen Zeit. Shevelov zeigte, dass die wichtigsten Lautmerkmale, die Ukrainisch vom Russischen unterscheiden, bereits im 11.–13. Jahrhundert entstanden — lange vor irgendwelchen „österreichischen Machenschaften”.
Zu diesen Merkmalen gehören:
- Ikavismus (der Wandel von altem ě, о, е zu і): chlib (Brot) vs. russisch khleb; kin (Pferd) vs. russisch kon
- Erhalt von h anstelle des alten g: holova (Kopf) wird mit frikativem [ɦ] ausgesprochen, nicht mit dem explosivem [g] wie im Russischen
- Erweichung von Konsonanten vor е: unterscheidet sich vom russischen System
- Wechsel von u/v: u mene / v mene — einzigartig im Ukrainischen
Lexikalische Unterschiede
Vergleichenden Studien zufolge beträgt die lexikalische Ähnlichkeit zwischen Ukrainisch und Russisch etwa 62 % — weniger als zwischen Spanisch und Portugiesisch (89 %) oder zwischen Tschechisch und Slowakisch (86 %).
Ukrainisch steht lexikalisch näher an:
- Polnisch — 70 % gemeinsamer Wortschatz
- Weißrussisch — 84 % gemeinsamer Wortschatz
- Slowakisch — 68 % gemeinsamer Wortschatz
Das bedeutet: nach dem lexikalischen Kriterium steht Ukrainisch drei anderen slawischen Sprachen näher als dem Russischen.
Grammatikalische Unterschiede
Ukrainisch verfügt über eine Reihe grammatikalischer Merkmale, die im Russischen fehlen:
- Vokativ: Ivane! Mariiko! Druže! — der siebte Kasus, im modernen Russischen nicht vorhanden
- Plusquamperfekt: ya buv khoduv (ich war gegangen) — eine analytische Vergangenheitsform
- Infinitiv auf -ty: khodity, bachyty, znaty (vgl. russisch khodit, videt, znat)
- Synthetisches Futur: khodytumu, znatumu — Verschmelzung des Infinitivs mit der Form imu
- Konsonantenabwechslungen bei der Deklination: ruka — rutsi, noha — nozi
Alte schriftliche Denkmäler
Die ersten Texte mit charakteristisch ukrainischen Sprachmerkmalen stammen aus dem 12.–13. Jahrhundert. Die Ruska Prawda und die Nestor-Chronik enthalten lexikalische und phonetische Merkmale, die für das Gebiet der heutigen Ukraine charakteristisch sind.
Eine vollausgebildete ukrainische Literatursprache ist seit dem 16. Jahrhundert dokumentiert:
- Peresopnyzja-Evangelium (1556–1561) — eine Übersetzung in die zeitgenössische ukrainische Sprache
- Grammatik von Meletij Smotrytskyj (1619)
- Leksikon slowenoroskyi von Pamwa Berynda (1627) — das erste gedruckte Wörterbuch mit ukrainischen Entsprechungen
Iwan Kotljarevskyj und die neue Literatursprache
1798 veröffentlichte Iwan Kotljarevskyj die „Eneida” — das erste bedeutende literarische Werk in der modernen ukrainischen Sprache. Das war 74 Jahre vor dem Emser Dekret und Jahrzehnte bevor Österreich die ukrainische Sprache angeblich „erfunden” haben soll.
Taras Schewtschenko (1814–1861) begründete das Ukrainische endgültig als vollwertige Literatursprache. Sein „Kobsar” (1840) wurde zum Symbol der ukrainischen Sprach- und Nationalidentität.
Wie Russland versuchte, die ukrainische Sprache zu vernichten
Jahrhundertelang verfolgte das Russische Kaiserreich und die UdSSR systematisch die ukrainische Sprache:
| Jahr | Dokument | Einschränkung |
|---|---|---|
| 1720 | Dekret Peters I. | Verbot des Buchdrucks auf Ukrainisch |
| 1763 | Dekret Katharinas II. | Verbot des Unterrichts auf Ukrainisch an der Kyjiwer Mohyla-Akademie |
| 1863 | Valuev-Zirkular | „Eine separate kleinrussische Sprache hat es nicht gegeben, gibt es nicht und kann es nicht geben” |
| 1876 | Emser Dekret | Totales Verbot ukrainischer Drucksachen, Theaters, Bildung |
| 1933 | Resolution des Rates der Volkskommissare der UkrSSR | Russifizierung der Schulen |
| 1958 | Bildungsreform | Ukrainisch faktisch freiwillig in Schulen der UkrSSR |
Wenn Ukrainisch lediglich ein „Dialekt” ist, warum brauchten Imperien dann Dutzende von Dekreten und Verboten, um es zu unterdrücken? Gerade die Tatsache systematischer Verfolgung beweist, dass die Behörden das Ukrainische als echte Bedrohung für ihr Narrativ des „einen Volkes” betrachteten.
Aktueller Status
Nach der Unabhängigkeit 1991 hat die ukrainische Sprache schrittweise ihre Stellung zurückgewonnen. Besonders kraftvoll war die Wende nach 2022:
- Laut soziologischen Umfragen wuchs der Anteil ukrainischsprachiger Bürger von 44 % (2017) auf über 60 % (2023)
- Viele russischsprachige Ukrainer wechselten bewusst zur ukrainischen Sprache
- Das Sprachgesetz (2019) legte Ukrainisch als einzige Staatssprache fest
Die ukrainische Sprache ist weder ein Dialekt noch ein künstliches Konstrukt. Sie ist eine lebendige Sprache mit tausendjähriger Geschichte, die Jahrhunderte von Verboten überlebt hat und sich weiterentwickelt.
Quellen
- Shevelov G.Y. «A Historical Phonology of the Ukrainian Language» (1979) — Carl Winter Universitätsverlag
- Pivtorak H.P. «The Origins of Ukrainians, Russians, Belarusians and Their Languages» (2001) — Akademiya
- Sussex R., Cubberley P. «The Slavic Languages» (2006) — Cambridge University Press
- Alexander II «Das Emser Dekret» (1876)
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