Die Entstehung der Kiewer Rus: ein lokaler Prozess, kein 'Warägisches Geschenk'
Kreml-Lüge
Die Kiewer Rus wurde von skandinavischen Warägern erschaffen, und die Slawen waren unfähig, selbstständig einen Staat zu gründen. Daher haben die Moskauer Fürsten — als Erben der Waräger — Anspruch auf alle Rus-Länder
Fakten
Die Kiewer Rus entstand als Ergebnis der Entwicklung lokaler slawischer Gesellschaften des Dnipro-Gebiets. Die Waräger spielten eine Rolle, doch der Staat wurde auf einem lokalen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Fundament errichtet
Worum es in diesem Mythos geht
Die Frage nach den Ursprüngen der Rus ist eine der politisch heikelsten in der Geschichte. Es gibt zwei extreme Positionen:
Die „Normannentheorie” (formuliert von deutschen Gelehrten des 18. Jahrhunderts — Bayer, Müller, Schlözer): Die Slawen waren „wild” und unfähig, einen Staat zu gründen, deshalb schufen die „zivilisierten” skandinavischen Waräger ihn für sie.
Die „Anti-Normannentheorie” (Lomonossow und spätere russische Historiker): Die Waräger hatten keine Bedeutung; der Staat wurde ausschließlich von Slawen geschaffen (wobei diese implizit „Rus”-Slawen = russische Slawen waren).
Beide Extreme sind falsch. Die moderne Wissenschaft bietet ein weit komplexeres und interessanteres Bild.
Was existierte vor den Warägern?
Slawische Gesellschaften im Dnipro-Gebiet
Lange vor der Ankunft der Waräger existierten auf dem Gebiet der heutigen Ukraine entwickelte slawische Gesellschaften:
Die Sarubynjzi-Kultur (3. Jahrhundert v. Chr. – 2. Jahrhundert n. Chr.) und die Tschernjachiv-Kultur (2.–5. Jahrhundert n. Chr.) — archäologische Kulturen des Dnipro-Gebiets — belegen:
- Entwickelte Landwirtschaft und Metallurgie
- Handel mit dem Römischen Reich
- Qualitätsvolle Keramikproduktion
- Komplexe soziale Organisation
Stammesverbände (6.–8. Jahrhundert):
- Polanen — rund um Kiew, der entwickeltste Stamm
- Drevljanen — westlich von Kiew
- Severjanen — auf dem linken Dnipro-Ufer
- Uljtschen, Tiverzeny — im Südwesten
Die Primärchronik beschreibt die Polanen als einen Stamm, der bereits Städte (einschließlich Kiew), eigene Fürsten und eine entwickelte Kultur hatte, bevor die Waräger kamen:
„Die Polanen… waren weise und kluge Männer… und ihre Sitten waren sanft und friedfertig.”
Die Legende von der Gründung Kiews
Die Chronik erzählt von Kiew, das von drei Brüdern — Kyj, Schtschek und Choryw — und ihrer Schwester Lybid gegründet wurde. Unabhängig vom historischen Wahrheitsgehalt dieser Legende belegt die Archäologie, dass Kiew als befestigte Siedlung mindestens seit dem 5.–6. Jahrhundert existierte — Jahrhunderte vor den Warägern.
Archäologe Petro Tolotschko dokumentierte kontinuierliche Besiedlung der Kiewer Hügel ab dem 5. Jahrhundert. Auf dem Altstädtischen Hügel, dem Zamkowa-Hügel und auf Podil wurden Reste von Wohn- und Befestigungsbauten aus der Zeit vor dem 8. Jahrhundert gefunden.
Handel vor den Warägern
Das Dnipro-Gebiet war lange vor skandinavischem Einfluss in den internationalen Handel eingebunden:
- Römische Münzen des 1.–4. Jahrhunderts wurden im gesamten Dnipro-Gebiet gefunden
- Byzantinische Güter des 6.–7. Jahrhunderts sind in den archäologischen Schichten Kiews vorhanden
- Die Dnipro-Handelsroute funktionierte bereits vor den Warägern
Die Rolle der Waräger: Katalysatoren, keine Schöpfer
Was die Waräger mitbrachten
Die skandinavischen Zuwanderer (8.–9. Jahrhundert) leisteten tatsächlich einen wichtigen Beitrag:
- Militärische Organisation — erfahrene Krieger und Seefahrer
- Handelsverbindungen — die Route „von den Warägern zu den Griechen” über den Dnipro nach Byzanz
- Ein dynastisches Element — die Rurik-Dynastie (obwohl einige Forscher ihre skandinavische Herkunft anzweifeln)
Doch dies war kein einseitiger Prozess. Die Waräger:
- Assimilierten sich rasch mit der slawischen Bevölkerung — bereits die zweite Generation trug slawische Namen (Swjatoslaw, Wolodymyr)
- Übernahmen die slawische Sprache — das Altrussische ist eine slawische, keine skandinavische Sprache
- Übernahmen lokale Gebräuche — einschließlich des Rechtssystems und religiöser Praktiken
- Verlegten das Machtzentrum nach Kiew — d. h., sie fügten sich in die Logik der lokalen Entwicklung ein
Oleh und die Verlegung der Hauptstadt nach Kiew (882)
Das chronikalische Datum der Gründung der Kiewer Rus ist 882, als Fürst Oleh die Hauptstadt von Nowgorod nach Kiew verlegte mit den Worten:
„Sei du die Mutter aller Rus-Städte.”
Warum wählte Oleh Kiew statt in Nowgorod zu bleiben? Weil:
- Kiew wirtschaftlich mächtiger war — es beherrschte die Dnipro-Handelsroute
- Kiew geographisch günstiger lag — näher an Byzanz, dem wichtigsten Handelspartner
- Die Polanen eine entwickeltere soziale Organisation besaßen
- Kiew bereits eine bedeutende Stadt mit eigener Geschichte war
Ein warägischer Eroberer selbst erkannte Kiews Vorrang an. Das widerspricht der Idee, die Waräger hätten „Zivilisation zu Wilden gebracht”.
Vergleich mit anderen Ländern
Der Entstehungsprozess der Rus war für das frühmittelalterliche Europa typisch:
| Land | Externes Element | Lokales Fundament |
|---|---|---|
| England | Normannen (1066) | Angelsächsische Kultur |
| Frankreich | Franken (5. Jahrhundert) | Gallisch-römische Kultur |
| Rus | Waräger (9. Jahrhundert) | Slawische Kultur des Dnipro-Gebiets |
| Bulgarien | Bulgaren (7. Jahrhundert) | Slawische Kultur |
| Normandie | Wikinger (10. Jahrhundert) | Fränkische Kultur |
In keinem dieser Fälle haben die äußeren Eroberer einen Staat „aus dem Nichts erschaffen” — sie führten bereits laufende Prozesse.
Archäologische Befunde
Kiew vs. Nowgorod
Die Archäologie zeigt eindeutig, dass Kiew in der Frühzeit entwickelter war als Nowgorod:
- Kiew hat kontinuierliche Besiedlung ab dem 5. Jahrhundert, Nowgorod ab dem 10.
- Die ersten Steingebäude in der Rus — in Kiew (Zehntenkirche, 989)
- Die ersten Münzfunde — im Dnipro-Gebiet
- Die Bevölkerungsdichte des Dnipro-Gebiets war höher als die der Ilmensee-Region
Ladoga und Nowgorod
Skandinavische Präsenz im Norden (Ladoga, Nowgorod) ist tatsächlich ab dem 8. Jahrhundert belegt. Doch dabei handelte es sich hauptsächlich um Handelsposten, nicht um vollwertige Staatswesen. Die Entstehung von Staatlichkeit als System zur Beherrschung eines großen Territoriums vollzog sich erst nach der Verlagerung des Zentrums nach Kiew.
Wie Russland diesen Mythos nutzt
Die russische Interpretation der „Normannentheorie” funktioniert in zwei Schritten:
- Die Waräger schufen die Rus (im Norden, in Nowgorod)
- Moskau ist Erbe Nowgorods und der Waräger → Moskau ist das „wahre” Rus
Diese Logik scheitert an ihren eigenen inneren Widersprüchen:
- Moskau vernichtete Nowgorod im Jahr 1478 (Iwan III.) — Moskau ist also kein Erbe, sondern ein Zerstörer
- Iwan der Schreckliche massakrierte Nowgorod im Jahr 1570 — Tausende Einwohner wurden getötet
- Wenn die Waräger die Rus „erschufen”, dann schufen sie sie in Kiew, nicht in Moskau
Die moderne Wissenschaft (Franklin, Shepard, Duczko) ist sich einig: Die Rus entstand als Synthese der lokalen slawischen Traditionen des Dnipro-Gebiets und skandinavischer Elemente, mit Mittelpunkt in Kiew. Moskau hat mit diesem Prozess keine Verbindung.
Quellen
- Franklin S., Shepard J. «The Emergence of Rus 750–1200» (1996) — Longman
- Duczko W. «Viking Rus: Studies on the Presence of Scandinavians in Eastern Europe» (2004) — Brill
- Pritsak O. «The Origin of Rus'» (1981) — Harvard University Press
- Tolochko P.P. «Kiewer Rus» (1996) — Abrys
- Ibn Fadlan «Reise zur Wolga (Risala)» (922)
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